Immanuels Haven 2016/17               

 

''Die Zeit war super und hat mein Leben verändert''. Das ist der typische Satz, den man von Leuten hört, wenn man sie fragt wie es denn so im Ausland gewesen sei.

Als ich mich in der Vorbereitungszeit für meinen Auslandsaufenthalt in Südafrika bei Immanuels Haven befand, dachte ich, ich werde diesen Satz nie sagen. Zum einen, weil ich eine Heidenangst vor der ganzen Sache hatte, zum anderen, weil ich dachte, dass meine Zeit irgendwie anders wird als die meiner Freunde.

War sie am Ende auch, aber im Nachhinein kann ich nur sagen: Dieser Satz stimmt. Die Zeit war einfach super und ich würde sogar so weit gehen, dass ich behaupte, sie hat mich als Person auch verändert. Ich bin jetzt kein besserer Mensch geworden oder so was in der Richtung, aber ich glaube, dass ich empfänglich für neue Dinge geworden bin und den Perspektivenwechsel lieben gelernt habe, den man erfährt, wenn man nicht nur auf die Weltkarte im Wohnzimmer starrt, sondern den Mut aufbringt, auch mal in die weite Welt hinaus zu gehen.

 

Ich hatte diese mutvolle Eingebung, als ich auf einer Familienfeier das hundertste Mal von einem Verwandten gefragt wurde, was ich denn nach dem Abitur machen würde. Da es mir irgendwann zu langweilig wurde, immer nur zu sagen, dass ich mich ganz gemächlich mal nach einem Studium umsehe, habe ich zu einer meiner vielen Tanten einfach gesagt, dass ich ins Ausland will.

Um ehrlich zu sein, habe ich davor auch schon oft über diese Option nachgedacht. Viele meiner Freunde waren schon nach der 10. Klasse weg und haben mir dann mit dem oben erwähnten Satz davon berichtet. Viele hatten aber auch den Plan, nach dem Abitur „Work and Travel“  in Ozeanien zu machen, oder einen Backpacker-Trip in Asien zu unternehmen. Beide Möglichkeiten habe ich zu den Akten gelegt. Ich bin eher der Typ Mensch, der einen festen Ablauf im Tag braucht und wissen muss, wo er die nächste Nacht schläft. Diese beiden Punkte haben mich auf die Idee gebracht, meinen Auslandsaufenthalt als Freiwilliger in einem gemeinnützigen Projekt zu verbringen. Dort habe ich eine klare Struktur im Tag und lerne die Menschen und Kultur auf eine andere Art und Weise kennen, als ein bloßer Tourist.

Zufälligerweise kannte meine Tante in ihrer Heimatstadt Lingen solch eine Organisation, die von Deutschland aus mehrere Projekte in der Nähe von Kapstadt managt: project:help e.V.

Am nächsten Tag habe ich mir die Website und die Projekte angeguckt und der Wunsch ins Ausland zu gehen, hat sich gefestigt. Ich nahm Kontakt zu Project:help auf und wurde mit offenen Armen empfangen. Zwischen Oktober 2016 und April 2017 waren noch Plätze frei und es hieß, ich müsse mich nur noch um den Flug und das Visum kümmern. Der Flug war eine Sache von einer halben Stunde, das Visum hat dann doch etwas länger gedauert, ungeachtet dessen, dass ich in Berlin wohne und die Botschaft quasi um die Ecke ist. Es ist eine ganze Liste, die man abarbeiten muss, von Arztbesuchen und Impfungen bis zu Kontoauszügen und Führungszeugnis.

Als ich das Visum dann endlich in den Händen hielt, war es auch nicht mehr lange, bis der Flug ging und bald darauf landete ich in Kapstadt.

Meine Sorgen, dass ich mich nicht einlebe und mich möglicherweise nicht mit den anderen Freiwilligen verstehe, waren unbegründet. Ich glaube, jeder der so etwas macht, ist ein offener, herzlicher und interessanter Mensch, weshalb man schnell auf einer Wellenlänge ist. Meine Horrorvorstellungen von einem schäbigen Haus, mit riesigen Schlafsälen haben sich auch nicht bewahrheitet. Es gibt drei Schlafzimmer, eine große Gemeinschaftsküche und ein sehr gemütliches Wohnzimmer mit einem Fernseher(!) und WLAN(!). Purer Luxus.

Kurz nachdem ich angekommen war, bekam ich auch schon eine kurze Besichtigungstour über das Grundstück. Das Heim, die Schule und unser Volunteer-Haus grenzen alle aneinander an. Im Heim leben ca. 15 Kinder dauerhaft mit ihrer ''Mutter'' Bubbles. Es wird auf dem Gelände auch als Main House bezeichnet und hat nebenan einen Gemüsegarten, wo auch die Kinder oft Hand anlegen. Die Hilfe von uns Freiwilligen ist dort auch mehr als willkommen. Die Schule, die direkt neben dem Heim liegt, war ursprünglich als Schule für die Heimkinder geplant worden. Im Laufe der Zeit hat sie sich aber mehr und mehr verselbstständigt, sodass sie heute bis zu 140 Kinder aus der Umgebung fasst. Es geht los vom Kindergarten bis hoch zur siebten Klasse mit Jugendlichen bis zu 15 Jahren. Das übergeordnete Ziel der Schule ist es, sich bis zur zwölften Klasse zu vergrößern und dadurch den Kindern den Besuch einer weiterführenden Schule zu ermöglichen.

 

Am Tag nach meiner Ankunft ging die Arbeit in der benachbarten Schule auch direkt los. Als neuer Freiwilliger bekommt man anfangs eine ganze besondere Aufmerksamkeit zuteil. Ehe man sich versieht, ist man von kleinen Kindern umringt, die an einem ziehen und zerren und dadurch vermutlich zum Ausdruck zu bringen, wie sehr sie einen lieben. Mach bloß nicht den Fehler ein Kind hochzuheben! Den Tag danach hebst du dann muskelbedingt auf jeden Fall nichts mehr hoch.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde mit den Lehren, wurde ich dann in der zweiten Klasse als Teacher-Assitant eingestellt. Ich sollte die Lehrerin unterstützen und den Kindern einzeln helfen, wenn sie Fragen haben. Dabei ist es wichtig, dass ich auf Disziplin im Klassenraum achte und versuche, die Kleinen möglichst ruhig zu halten.

Die Schule mal aus der Perspektive eines Lehrers zu sehen, machte mir klar, was die Lehrer in Deutschland manchmal mit mir aushalten mussten.

Oft habe ich auch vorne an der Tafel die Hausaufgaben verglichen oder ab und zu meine eigene Unterrichtsstunde kreiert: sei es der Klasse die Unterwasserwelt näher zu bringen oder sie in die Kunst des Rhythmus-Lesens einzuführen. Natürlich konnte ich hier auch meine persönlichen Präferenzen einfließen lassen (ich tauche und spiele Schlagzeug). Es hat sehr viel Spaß gemacht, die Kinder für etwas begeistern zu können, für das man sich selber begeistert.

Teil meiner Aufgaben war es auch, Hausaufgaben, Arbeitsbögen und Tests zu berichtigen und zu benoten. Hat sich gut angefühlt, auch mal am längeren Hebel zu sitzen.

In der Pause hatten manche von uns Freiwilligen Aufsicht. Jeder war mal dran. Die anderen sind dann schnell rüber ins Volunteers-Haus und haben Frühstück Nummer zwei gegessen. Da die Schule wie auch in Deutschland um acht anfängt, haben manche von uns es auch erst zur ersten Pause zum Frühstück geschafft. Und eins sag‘ ich euch: Die Pausen sind bitternötig. So ein Tag als Lehrer ist sehr, sehr anstrengend. Vor allem die andauernden Disziplinarmaßnahmen greifen die Nerven an.

Wenn man dann aber einen Zettel von einem Kind geschenkt bekommt, auf dem steht: ''You are the best teacher in the world, I love you'', dann ist das alles schnell wieder vergessen.

 

Nach der Schule haben wir Freiwilligen immer zusammen gekocht und gegessen. Es gab bunte Küche, da wir alle aus verschiedenen Regionen Deutschlands, oder auch Österreichs kamen und dementsprechend viele Ideen für Gerichte zusammentragen konnten. Nach einem anstrengendem Schultag gibt es auch nichts Besseres, als ein gemeinsames Essen, bei dem man über die gesammelten Erfahrungen an dem Tag sprechen konnte. Oft haben wir die Zeit auch genutzt, um Pläne für das Wochenende zu schmieden (Der Green Market Square in Kapstadt, auf dem es haufenweise Souvenirs zu kaufen gibt, war bei den Mädchen immer äußerst beliebt und ich durfte an die 30000 Mal mitfahren).

Nach der Schule war es dann Zeit, mit den Kindern aus dem Heim Hausaufgaben zu machen. Es hat gut gepasst, denn jeder von uns hatte ein Kind, mit dem er jeden Tag gearbeitet hat und man sich so gut aneinander gewöhnen konnte. Es war auch immer ein super Gefühl, wenn man sieht, wie sich die Leistungen des Kindes, mit dem man arbeitet, von Test zu Test verbessern oder man es nach wochenlanger Leseübung endlich geschafft hat, dass man eine ganze Buchseite ohne Fehler vorgelesen bekommt. Das waren die kleinen Dinge, die den Aufenthalt so schön gemacht haben.

 

Neben diesen wunderbaren Momenten in der Schule, war mein absolutes Highlight die dreiwöchige Reise, die ich in den Sommerferien (in Deutschland war es Winter) unternommen habe. Sie hat mich die gesamte Ostküste bis hoch nach Durban und zu den benachbarten Drakensbergen geführt. Der schönste Abschnitt der Strecke war die Wildcoast, die dort anfängt, wo die von Touristen stark frequentierte Garden Route aufhört. Die unberührte Natur in Kombination mit der traditionellen Lebensweise der Xhosa und Zulu lassen für einen kurzen Moment die Zeit still stehen.

 

An den Wochenenden haben wir Freiwilligen eigentlich immer gemeinsame Dinge unternommen. Kompromissbereitschaft ist eine der vielen Sachen, die ich gelernt habe oder auch lernen musste. Als Gruppe von 12 Freiwilligen gibt es eben auch 12 Vorstellungen, wie man das Wochenende gestalten könnte. Natürlich gab es deshalb manchmal Streitigkeiten, aber die waren schnell wieder vergessen. Oft waren wir in Kapstadt oder haben ein Wine-Tasting im nahen Stellenbosch gemacht. Das Nachtleben in der ''Mothercity'' ist auch nicht zu vernachlässigen, und das kommt von einem Berliner.

 

Der allwöchentliche Einkauf in der Somerset Mall war ebenfalls fester Bestandteil der Planung. Für so viele Leute einzukaufen, ist schon eine andere Nummer als der Familieneinkauf zuhause. Ich dachte damals, dass wir in Deutschland schon große Supermärkte hätten, aber die südafrikanische Supermarktkette ''Pick‘n Pay'' hat mich eines Besseren belehrt. Du findest dort alles, was das Herz begehrt und wir wurden lebensmitteltechnisch eigentlich nie enttäuscht, auch wenn wir mal deutsche Hausmannskost auf der Speisekarte stehen hatten.

Unter der Woche waren wir viele Male surfen. Häufig auch mit den Kindern zusammen. Ich habe dort auch das erste Mal auf einem Board gestanden und hatte es nach ein paar Stunden raus. Es war immer ein absolutes Highlight der Woche und wir haben probiert, so oft wie möglich die Wellen unsicher zu machen.

 

Viele Abende war dann die Zeit des gemeinsamen Serien Guckens oder einfach ein nettes Beisammensein im Wohnzimmer. Es gab immer was zu reden und zu lachen. Das ist auch eines der Dinge, an die man sich am Anfang am schwersten gewöhnt und am Ende am schwersten von trennen kann: Es ist immer jemand um dich herum, mit dem man reden kann. Wenn du aus deinem Zimmer kommst, wird es nie langweilig. Das WG-Leben ist auch eine Erfahrung, die ich jetzt zu meinem Repertoire hinzufügen kann und mir bestimmt helfen wird, wenn ich möglicherweise im Zuge meines Studiums in solch eine ziehe.

 

In der Zeit bei Immanuels Haven habe ich den Kindern in der Schule und im Heim viel mitgeben können, was ihnen hoffentlich irgendwann einmal im Leben hilft. Auf der anderen Seite habe ich mindestens genauso viel von ihnen mitgenommen. Ich bin sicher, dass mir das auch irgendwann einmal im Leben hilft.

Ich habe gemerkt, dass man Erfahrungen am besten sammelt, wenn man das hinter sich lässt, was man schon kennt. Dazu zählt die Heimatstadt oder generell das Land, in dem man lebt. Für mich war die Vorstellung ins Ausland zu gehen immer mit einer Angst vor dem Unbekannten verbunden. Man lässt die Familie hinter sich und ist das erste Mal wirklich auf sich allein gestellt. Man geht in ein neues Land, in eine neue Kultur und weiß nicht, wie man sich verhalten soll. Man lernt neue Leute kennen und weiß nicht, ob man mit denen klar kommt. Das sind alles unbekannte Faktoren und es ist schwer, sich auf diese einzulassen. Doch wenn man es tut, kann man eigentlich nur belohnt werden. Sei es auch nur mit der Erfahrung, dass so ein Auslandsaufenthalt oder später die Möglichkeit, ins Ausland zu ziehen, nichts für einen ist.

Wenn mich jetzt jemand fragt, wie denn mein Aufenthalt in Südafrika gewesen sei, kann ich mich getrost in die Reihe der glücklichen ''Ich-war-im-Ausland''-Menschen einreihen und den berühmt berüchtigten Satz sagen: ''Die Zeit war super und hat mein Leben verändert''.

 

 

Leon Lobenberg ( Berlin)