Hallo Ihr!

Ich bin Lucas, 27, und ehemaliger Volunteer bei Immanuels Haven. Momentan befinde ich mich in einem fortgeschrittenen Stadium meines Lehramtsstudiums in den Fächern Englisch und Sozialwissenschaften, welches ich an der TU Dortmund absolviere. Im Zuge dieses Studiums ist man als Student einer Fremdsprache dazu verpflichtet einen mindestens zwölfwöchigen/dreimonatigen Auslandsaufenthalt zu absolvieren. An diesen Punkt kam ich nun und musste ich entscheiden, auf welches Land ich Lust hätte und wie ich meine Zeit dort möglichst sinnvoll verbringen könnte.

Nach langem überlegen und abwägen meiner Möglichkeiten fiel die Wahl auf Südafrika und das Project „Immanuels Haven“, welches von project:help aus Deutschland mit Spenden unterstützt wird. Mit etwas Hilfe und praktischen Tipps von Barbara Greis, die zu dem Zeitpunkt noch alleine für die Betreuung der Volunteers zuständig war, ging es an die Planung – Flüge buchen, Impfpass auffrischen und solche Späße. Ich entschied mich also für einen zwölfwöchigen Aufenthalt bei Immanuels Haven, ein längerer Aufenthalt war leider nicht möglich aufgrund anderweitiger Verpflichtungen an der Uni wenn ich wieder in Deutschland ankomme.

Nun ging es also Ende September mit einer Menge Vorfreude im Gepäck nach Südafrika. Dort angekommen wurde ich von Monty, unserem Taxifahrer für alle Fälle, wenn man so mag, abgeholt und zu meiner Unterkunft für die ersten zwei Wochen gebracht. Dies war noch nicht das Volunteerhaus auf dem Gelände von Immanuels Haven, da dieses zu dem Zeitpunkt noch renoviert wurde, da gerade Schulferien waren und die restlichen Volunteers selbst im Urlaub oder auf Road Trips waren. Übrig waren zu der Zeit nur eine Hand voll Volunteers, mit denen ich meine ersten paar Wochen in Südafrika außerhalb des Geländes von Immanuels Haven verbrachte.

In dieser Zeit konnte ich dafür schon erste Kontakte zu den Kindern des Heims und dem Personal knüpfen. Vor Ort wird das Projekt von Bubbles Strangman geleitet, welche zusammen mit ihrem „Team“ das sagen im Heim hat. Während meines Aufenthaltes lebten in dem Heim ca. 15 Kinder, von Vorschulkindern bis zu pubertierenden Jugendlichen war alles dabei.

Das Verhältnis zu den Kindern war von Kind zu Kind unterschiedlich und hat sich unterschiedlich schnell aufgebaut. Während einem direkt nach der Ankunft die kleineren Kinder an den Beinen hingen und am liebsten 24/7 mit einem spielen wollten, gestaltete es sich bei den älteren Kindern etwas schwieriger, eine vernünftige Beziehung aufzubauen. Die kleinen waren einfach nur froh, einen weiteren Spielgefährten zu haben, während man den älteren angemerkt hat, dass sie sich durchaus dessen bewusst sind, dass die Volunteers nur ein paar Monate da sind und sie sie danach vielleicht nie wieder sehen werden.

Alle diese Kinder haben eine mehr als bewegte Kindheit hinter sich, die teilweise so unglaublich schrecklich und traurig war, dass man es sich nicht einmal vorstellen mag, sodass es mir nicht schwergefallen ist nachzuvollziehen, warum sie erst einmal sehr vorsichtig sind wenn es darum geht Beziehungen aufzubauen. Nichtsdestotrotz hatte ich zu allen Kindern ein gutes Verhältnis und habe mich super gerne mit ihnen beschäftigt. Diese Nachmittage voller spielerei und rumblödelei werde ich wohl so schnell nicht vergessen, ob es nun die unendlichen Runden „Ticken“ über das ganze riesige Gelände, ein bisschen kicken während des Sonnenuntergangs oder der bau eines Skateboards mit Elrico war – schöne Erinnerungen.

Nach den ersten paar Wochen, in denen das Volunteerhaus renoviert wurde, konnte ich dann auch endlich dort einziehen, auch wenn es noch nicht komplett fertig war. Im allgemeinen war das Haus selbst ein großes Projekt und in meinen drei Monaten verging fast kein Tag, an denen kein Bauarbeiter um uns herum war – irgendwas war immer. Wenn man von der deutschen Bürokratie sagt „deutsche Mühlen mahlen langsam“, kann man das Sprichwort ohne Probleme auch auf südafrikanische Handwerker anwenden, nur noch länger. Trotzdem ist mir der Chef der Truppe, Rodney, sehr ans Herz gewachsen, ein Gespräch über Gott und die Welt war immer drin (okay, vielleicht bin ich nicht ganz unschuldig an manchen Verzögerungen gewesen...). Ihren Job haben die Arbeiter trotzdem gut gemacht, und ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, die Fortschritte ein wenig mit Fotos zu protokollieren, den Arbeitern etwas im Nacken zu hängen und alles was passiert nach Deutschland zu berichten. Da die Finanzierung für das Volunteerhaus auch aus Deutschland kam und sonst niemand da war außer uns Volunteers, wurde einfach jemand gebraucht der ab und zu mal Bericht erstattet. Das habe ich dann sehr gerne gemacht.

Das Zusammenleben mit den anderen Volunteers war überwiegend unkompliziert und cool, wenn auch nicht immer einfach. Es trafen viele verschiedene Charaktere zusammen auf einem sehr kleinen Raum. Obwohl ich durch mein Studium durchaus WG erprobt bin, war das nochmal eine andere Erfahrung – es ist halt schon ein Unterschied ob man mit fünf oder mit zwölf Personen zusammenlebt. Das ist allerdings gar nicht so negativ gemeint wie es sich vielleicht anhört!

Das Leben dort war super, man hatte immer jemanden zum reden, es wurde quasi jeden Tag zusammen gekocht oder auch mal Abends außerhalb etwas essen gegangen, gemeinsam Filme oder Serien geschaut, Ausflüge unternommen und auch mal gediegen in Kapstadt feiern gegangen (Long Street – sehr zu empfehlen für die feierwütigen unter uns!). Geholfen hat auch, dass wir quasi eine große Clique waren uns es wenig Streitigkeiten gab (Ausnahmen bestätigen die Regel). Außerdem war ich doch sehr froh, nicht der einzige Mann im Haus zu sein und mit Leon etwas Unterstützung am Start hatte. Da wir nur zu zweit waren, hatten wir das Privileg und in einem Zimmer ordentlich breitmachen zu können und sich auch mal zurückziehen zu können, während sich die Mädels teilweise ein Zimmer mit 6-8 Leuten teilen mussten.

Am meisten gespannt war ich aber auf den Schulalltag in Südafrika. Durch diverse Praktika im Studium habe ich schon einiges aus der Perspektive des Lehrers in Deutschland gelernt und gesehen und mich gefragt, was mich wohl in Südafrika erwartet. Am Ende habe ich aber beschlossen, ohne Erwartungen an die Sache ranzugehen und alles auf mich zukommen zu lassen.

Die „Immanuels Private School“ ist, wie der Name schon sagt, eine Privatschule, wird also durch Beiträge gefördert und eine kleinere Anzahl an Schüler/innen pro Klasse. Das geht auch anders wie wir gemerkt haben, als wir mit der damaligen Schulleiterin Doreen staatliche Schulen besichtigt haben. Dort waren teilweise über 50 Kinder in einer Klasse bei sehr schlechten Lernverhältnissen. Immanuels Private School dagegen war sehr gut ausgestattet, zum Beispiel gibt es sogar einen Computerraum, womit ich nicht gerechnet hatte. Die Schule bestand zu meiner Zeit dort aus ca. 80-90 Schüler/innen in den Jahrgangsstufen 1-7, sowie einer Vorschulklasse. Langfristig ist das Ziel der Schule sich selbst zu finanzieren und Jahrgänge bis zur 12 Klasse, also den Schulabschluss zu stellen, aber das ist ein Prozess der wohl noch ein wenig dauert. Das Kollegium bestand ausschließlich aus Lehrerinnen und war sehr klein. Jede Lehrerin war zuständig für einen Jahrgang und in jeder Klasse waren 1-2 Volunteers untergebracht, die die Lehrer in ihrer Arbeit unterstützen sollten.

Ich wurde in die 7. Klasse zu Teacher Doreen eingeteilt, da ich selbst mein Studium für das Gymnasium und die Gesamtschule abschließen werden. Mit ihr, aber auch allen anderen Lehrerinnen hatte ich ein sehr gutes Verhältnis und habe mich mit allen super verstanden, da alle sehr herzlich waren und sich bemüht haben, einen in den Schulalltag einzubinden.

Der Alltag sah erst einmal so aus, dass es jeden morgen eine Ansprache von Teacher Doreen, sowie ein gemeinsames Gebet zum Start in den Tag gab. Montag, Dienstags und Donnerstags ging der Schultag bis 15 Uhr, Mittwochs und Freitags nur bis 13 Uhr. Diverse Frühstücks-/Mittagspausen eingerechnet. Einen festen Stundenplan wie man es hier in Deutschland kennt gab es nicht, woran ich mich auch erst einmal gewöhnen musste. Die Schüler/innen werden hauptsächlich in den drei Hauptfächern Englisch, Afrikaans und Mathe unterrichtet. Diese sollten am Ende des Schuljahres auch alle bestanden werden, ansonsten hat man ein Problem. Zusätzlich gibt es in unregelmäßigen Abständen Sportunterricht und sogenannten „Life-Skills“ Unterricht. Dieser fasst viele verschiedene Fächer zusammen, wie zum Beispiel Geschichte, Erdkunde oder Politik, aber auch Fächer wie Kunst oder Werken, die in Deutschland alle einzeln unterrichtet werden. Teilweise werden aber auch, für unsere Verhältnisse, banale Dinge besprochen, zum Beispiel wie man Wasser aufkocht ohne sein Haus niederzubrennen (drastisch ausgedrückt). Um das nachvollziehen zu können, muss man sich wieder die Lebensumstände der Kinder anschauen. Auch wenn es eine Privatschule ist, kommen viele Kinder aus ärmsten Verhältnissen und leben in den Townships, die in Südafrika überall zu finden sind. Das bedeutet grob gesagt leben in Wellblechhütten, ohne fließendes Wasser und teilweise ohne Strom. Um auf das Beispiel zurückzukommen: wenn du beim Wasser aufkochen deine Hütte in Brand setzt, verlierst du alles was du hast, und das ist meist schon nicht viel, vielleicht sogar dein Leben. Oft sind es dann diese auf den ersten Blick banalen Dinge die in der Schule gelernt werden, weil auch die Erziehung eine ganz andere ist. Dass Kinder zuhause noch geschlagen werden ist auch unserer Sicht natürlich nicht zu rechtfertigen, aber kulturell bis zu einem gewissen Grat verankert und nachzuvollziehen.

Aber diese Erziehung färbt natürlich auch auf die Kinder ab. Was mir mit als erste aufgefallen ist, ist das unter den Kindern das Gesetz des Stärkeren gilt. Konflikte werden nicht wie hier mit Worten (zugegeben, das ich auch nicht überall der Fall), sondern mit Fäusten geregelt, weil die Kinder das zuhause so lernen und es sich bei den Vätern abschauen, wenn sie ihre Mütter schlagen und dann auch die Kinder selbst. Es ist bei weitem nicht alles schlecht, aber wenn man sieht wie Kinder ohne Essen in die Schule kommen weil ihnen die Eltern nichts einpacken, vergeht einem selbst schon fast der Appetit und man kann die Frustration einiger Kinder irgendwo nachvollziehen.

Aber ich muss auch sagen, dass die meisten Kinder im Grunde sehr aufgeweckt sind, aber ihren Fokus anders setzen und so irgendwo auf ihrem Weg in der Schule hängengeblieben sind und deswegen einfach eine besondere Behandlung und Unterstützung brauchen. Und das ist genau das Augenmerkt, worauf die Immanuels Private School wert liegen will und muss, was ich wirklich super finde.

Meine Aufgaben in der Klasse von Teacher Doreen bezogen sich hauptsächlich darauf, Hausaufgaben zu kontrollieren, Aufsicht über die Klasse zu führen und den Schüler/innen bei ihren Problemen zu helfen und ihnen Sachen zu erklären, die sie im Unterricht vielleicht noch nicht komplett verstanden haben. Auch durfte ich Klassenarbeiten korrigieren und Doreen am Ende des Schuljahres (in Südafrika endet es Mitte Dezember) bei der Notenvergabe helfen, was ich sehr interessant fand.

Nach der Schule ging es dann zusammen mit den Kindern aus dem Heim, welche fast alle auch auf die Immanuels Private School gehen, daran ihre Hausaufgaben zu machen. Das war nicht immer einfach, meistens war es sogar eine große Herausforderung. Wer will ihnen schon verübeln wenn nach einem langen Schultag die Konzentration im Keller ist und man keine Lust mehr auf Hausaufgaben hat? Aber keine Gnade, was muss das muss. Schließlich durfte im Anschluss ja auch wieder ausgiebig gespielt werden.

Da Doreen in Südafrika aufgewachsen ist konnte ich von ihr sehr viel lernen im Bezug auf die südafrikanische Mentalität oder auch das Schulsystem in Südafrika, was mich als angehender Lehrer sehr interessiert hat. Dazu nur soviel, bevor ich mich total in Rage rede und hier total den Rahmen sprenge: eine große Katastrophe in meinen Augen.
Letztendlich hat aber jeder Schüler meiner Klasse die Versetzung gepackt und es waren alle froh, als es mitte Dezember in die Sommerferien ging.

In denen hatte ich auch endlich mal die Möglichkeit etwas länger auf Tour zu gehen und etwas mehr vom Land zu sehen. Südafrika hat so unglaublich viele unglaublich schöne Spots, die es sich zu besuchen lohnt. Auch das würde hier leider den Rahmen sprengen. Sagen kann ich aber, dass ich viele unglaublich tolle Erfahrungen gemacht habe, mit denen ich vorher selbst am wenigsten gerechnet habe (Shark Diving, Bungeejumping, ...). Wenn man sich einfach mal die Landschaft in Südafrika und rund um Kapstadt zu Gemüte führt merkt man schnell, was für ein wunderschönes Land es ist und was es alles zu bieten hat. Die Trips, die wir gemacht haben findet man in der Zusammenstellung wohl in wenigen andern Ländern auf der Erde. Zusammen mit dem Klima an der Küste (ja, die Sonne ballert trotzdem brutal) ist speziell Kapstadt aus meiner Sicht ein Muss für jedermann!

Am Ende kann ich behaupten, dass ich in der Zeit in der Schule sehr viel gelernt habe, was mir für mein Studium weiterhilft, mich aber auch persönlich und menschlich weitergebracht und geprägt hat.

Ich hatte in jedem Fall eine unvergessliche Zeit in Südafrika, habe viel für mein Leben gelernt und tolle neue Leute kennengelernt mit denen ich das alles teilen konnte. Ich kann von mir behaupten, dass ich alles nochmal genauso machen würde und kann diese Erfahrung in Südafrika besten Gewissens weiterempfehlen.

So, wer das Geschwafel ertragen hat und sich bis hier hin durchgekämpft hat, der hat hoffentlich einen kleinen aber feinen Überblick über meine Zeit dort erhalten und kann vielleicht etwas für sich daraus ziehen. Hin da!

Auf bald, bis wiedersehen!

Lucas